„Rückenschmerzen gehören neben Kopfschmerzen zu den häufigsten Schmerzproblemen. Sie haben eine hohe Chronifizierungsrate und schränken die Lebensqualität erheblich ein. Chronische Rückenschmerzen gehören in Deutschland seit langem zu den größten Gesundheitsproblemen. Sie erzeugen eine immense Krankheitslast, sind in erheblichem Umfang für medizinische und soziale Leistungen verantwortlich und verursachen enorme gesamtwirtschaftliche Kosten.“ (Robert Koch-Institut, 2020)
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Was sind Rückenschmerzen?
Rückenschmerzen werden als Schmerzen im Bereich der Rückseite des Körpers vom unteren Rand der zwölften Rippe bis zu den unteren Gesäßfalten mit oder ohne Schmerzen, die auf eine oder beide unteren Gliedmaßen übertragen werden und mindestens einen Tag anhalten, definiert. (Hoy etal. (2014); The global burden of low back pain: estimates from the Global Burden of Disease 2010 study)
Red Flags erkennen bei Rückenschmerzen
Bei der Differenzierung von Rückenschmerzen ist es wichtig sogenannte Red Flags zu erkennen und korrekt zu handeln. Mögliche Red Flags, die es zu erkennen gilt sind: Wirbelfrakturen, Infektionen, Krebsgeschehen, Cauda Equina, oder Axiale Spondylarthropatien.
Das Robert Koch Institut nennt folgende Beschwerdebilder als Indikatoren für eine genauere ärztliche Abklärung:
- wenn Fieber, Abgeschlagenheit und Gewichtsverlust vorliegen
- wenn sich die Rückenschmerzen im Verlauf stark verschlimmern
- wenn Lähmungserscheinungen in den Beinen auftreten
- wenn die Funktion von Harnblase und/oder Darm gestört ist
- wenn ein Taubheitsgefühl im Gesäßbereich auftritt
- wenn eine Tumorerkrankung, Osteoporose (Knochenschwund), HIV-Infektion oder die regelmäßige Einnahme von Kortison-Präparaten in der Vorgeschichte bekannt sind.
Ausstrahlende Schmerzen
Als ausstrahlende Schmerzen werden nervenbedingte Rückenschmerzen genannt. Hierzu zählen u.a. radikuläre Schmerzen, Radikulopathien, sowie Wirbelkanalstenosen.
Ursachen für ausstrahlende Schmerzen können u.a. Bandscheibenvorfälle, degenerative Prozesse der Wirbelsäule, sowie andere Entzündungsreaktionen im Bereich der Wirbelsäule sein.
Sogennante Referred Pain Patterns können ebenfalls ausstrahlende Schmerzen verursachen. Diese sind jedoch von den oben genannten nervenbedingten Rückenschmerzen zu unterscheiden, da sie einen übertragenen Schmerz beschreiben, der an einer anderen Stelle wahrgenommen wird als der Stimulus der ihn auslöst. (vgl. Felix Kade, Schmerzanalyse bei Rückenschmerzen; letzter Aufruf 26.01.2026) Ursachen hierfür können Facettengelenksproblematiken sein, Beschwerden im Iliosakralgelenk (ISG) oder Tendinopathien im Bereich der glutealen Muskulatur oder der proximalen Hamstrings.
Unspezifischer Rückenschmerz
Den Großteil aller auftretenden Rückenschmerzen bilden die unspezifischen Rückenschmerzen. Diese beschreiben Symptome, die auf keine ernsthafte Erkrankung hindeuten, oder sofortige ärztliche Behandlung erfordern.
Unter diese Kategorie fallen z.B. Bandscheibenvorfälle ohne Ausstrahlungen, Schmerzen im ISG, Facettengelenksproblematiken, aber auch Ursachen wie Muskelbeschwerden, haltungsinduzierte Rückenschmerzen, Bewegungsmangel, oder stressbedingte Rückenschemerzen.
Akute vs. chronische Rückenschmerzen
Bei der Differenzierung von Rückenschmerzen ist es wichtig die Beschwerden in akute, oder chronische Beschwerden zu unterscheiden. Dies ist nicht immer leicht, aber essenziell für den Umgang mit den Patient/innen in der Behandlung.
Akute Rückenschmerzen
Akute Rückenschmerzen haben einen klaren Schmerzauslöser und sind daher bewegungsassoziiert. Die Betroffenen könne die plötzlich auftretenden Schmerzen einem klaren Bewegungsereignis zuordnen. Im Alltagsgebrauch spricht man hiervon bspw. davon, dass man sich „verhoben“ hat. Hierbei macht der Körper die klassischen Wundheilungsphasen durch:
Entzündungsphase:
- je nach betroffener Struktur wenige Tage bis zu 2 Wochen
- Merkmale: Schmerz, Schwellung, Rötung, eingeschränkte Funktion.
- Ziel in dieser Phase ist es die betroffene Stelle und die umgebenden Strukturen vorübergehend zu entlasten
Proliferationsphase:
- je nach betroffener Struktur 1 bis zu 6 Wochen
- Merkmale: Neubildung von Gewebe (Kollagen, Blutgefäße), langsam zunehmende Belastbarkeit. Die Schmerzen nehmen meist ab, Bewegungen werden wieder möglich.
- Ziel: Belastungsaufbau angepasst ans Schmerzlevel
Remodelierungsphase:
- mehrere Wochen bis Monate
- Merkmale: Das Gewebe wird stabiler und belastbarer, die Fasern ordnen sich neu und die Belastungsfähigkeit steigt
- Ziel: Belastungskapazität ist höher als vor der Verletzung
Chronische Rückenschmerzen
Chronische Rückenschmerzen bestehen meist deutlich länger als 3 Monate. Die Schmerzen sind nicht unbedingt bewegungsassoziiert, lassen sich also nicht durch eine bestimmte Bewegungsrichtung auslösen. Es gibt keine Anzeichen von einer stattfindenden Wundheilung.
Die Ursachen bei chronischen Rückenschmerzen sind multifaktoriell. Angstvermeidungsverhalten, Stress und das soziale Umfeld können Gründe für eine Schmerzverstärkung sein.
Diagnostik und Anamnese
Nachdem wir nun einige wichtige Unterscheidungen von Rückenschmerzen vorgenommen haben stellt sich die Frage wie wir erkennen um welche Art von Rückenbeschwerden es sich handelt, um einen geeigneten Therapieplan erstellen zu können.
Anamnese
Die Anamnese bildet den Grundpfeiler der Differenzierung von Rückenbeschwerden. Mit ihrer Hilfe können wir Red Flags erkennen, akute von chronischen Rückenschmerzen unterscheiden, sowie psychosoziale Faktoren berücksichtigen.
Hier ein paar wichtige Fragen für die Anamnese:
- Wo tut es weh?
- Wie lange sind die Symptome vorhanden?
- Was verschlimmert die Symptome?
- Was verbessert die Symptome?
- Wie würdest du die Symptome auslösen?
- Ist ein Unfall oder eine Infektion vorausgegangen?
Weitere Bereiche, die es in der Anamnese zu berücksichtigen gilt sind:
- Ausstrahlende Beschwerden
- Nebenerkrankungen / Medikation / weitere Beschwerden
- Trainingshistorie / freizeitliche Beschäftigungen
- Psychosoziale Faktoren (Stresslevel, Familiensituation etc.)
Diagnostische Überlegungen und Trainingsinterventionen
Nach der Anamnese geht es darum passende Tests anhand der geschilderten Symptome auszuwählen, die die Hypothese der Schmerzursache überprüfen.
Hierzu zählen:
- Orthopädische Tests wie der Prone Hip Extension Test oder Seated Compression Tests liefern Aufschlüsse über eine mögliche Flexions- oder Extensionsintoleranz in der Wirbelsäule.
- Beweglichkeitstests von der Wirbelsäule werden angewendet, um zu schauen ob einzelne Segmente der Wirbelsäule besser, oder weniger gut als andere bewegt werden können. Können einzelne Segmente nicht so gut bewegt werden wie andere, so sollte die Mobilisation dieser Segmente über Übungen wie Katze / Kuh, oder Jefferson Curls berücksichtigt werden.
Bei den Beweglichkeitstest der Hüfte wird geschaut inwiefern sich die passive von der aktiven Beweglichkeit unterscheidet. Stellt sich heraus, dass die Hüftflexion sowohl passiv als auch aktiv eingeschränkt ist, so können aktive Dehnmethoden, wie Postisometrische Relaxation (PIR) oder PAILS / RAILS angewendet werden, um sowohl die passive, als auch aktive Beweglichkeit wiederherzustellen
- Das Testing der bevorzugten Bewegungsrichtung kann sowohl bei ausstrahlenden Beschwerden, als auch unspezifischen Rückenschmerzen angewendet werden. Hierbei wird geschaut, ob die Symptome nach wiederholter Flexion oder Extension schlimmer oder besser werden. Verbessern sich die Symptome und es kommt zu einer Zentralisation des Schmerzes, so ist dies ein Anzeichen für eine bevorzugte Bewegungsrichtung und ein guter Startpunkt für die weitere Behandlung
- Mithilfe von Muskelfunktionstests werden Kraftdefizite im Bereich der Hüfte identifiziert. Diese Defizite können über gezielte Kräftigungsübungen im Anschluss auftrainiert werden. Stellt sich bspw. Ein Kraftdefizit in den Hüftstreckern heraus, so ist der Cook Hip Lift eine hervorragende Übung zur Kräftigung dieser Strukturen.
- Kraftausdauertests der Flexoren, Extensoren und Lateralflexoren der Wirbelsäule geben einen Einblick in die Kapazität der Rumpfmuskulatur. Erreicht eine Stabilisationslinie ein unzureichendes Ergebnis, so ist dies eine solide Trainingsgrundlage für die weitere Behandlung. Plank-Variationen unterschiedlichster Art finden hier Anwendung
Fazit
Lower Back Pain ist ein vielschichtiges Beschwerdebild, das eine sorgfältige Differenzierung erfordert. Die frühzeitige Identifikation von Red Flags ist essenziell, um ernsthafte Pathologien auszuschließen und eine sichere Weiterbehandlung zu gewährleisten. Gleichzeitig zeigt sich, dass der überwiegende Teil der Rückenschmerzen unspezifischer Natur ist und gut auf aktive, trainingsbasierte Interventionen anspricht.
Eine strukturierte Anamnese bildet die Grundlage jeder erfolgreichen Therapie, da sie nicht nur biomechanische, sondern auch psychosoziale Einflussfaktoren berücksichtigt. In Kombination mit gezielter Diagnostik ermöglicht sie die Ableitung individueller Trainingsinterventionen, die Belastbarkeit wiederherstellen, Bewegungssicherheit fördern und Chronifizierungsprozessen entgegenwirken. Ein ganzheitlicher, biopsychosozialer Ansatz ist somit der Schlüssel zu einer nachhaltigen Behandlung von Rückenschmerzen.
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Quellen:
- Felix Kade, Schmerzanalyse bei Rückenschmerzen; letzter Aufruf 26.01.2026
- Deutsche Schmerzgesellschaft e. V.: Rückenschmerzen – Patienteninformationen. Verfügbar unter: https://www.schmerzgesellschaft.de/topnavi/patienteninformationen/schmerzerkrankungen/rueckenschmerzen (Zugriff am 26.01.2026).
- Engel, G. L. (1977). Bio-psycho-soziales Schmerzmodell [Abbildung]. Abgerufen am 26. Januar 2026 von https://idiers.de/wp-content/uploads/2023/01/bio-psycho-soziales-schmerzmodell-nach-Engel.jpg
- Hoy etal. (2014); The global burden of low back pain: estimates from the Global Burden of Disease 2010 study
Beitragsbild: Micha Neugebauer